Ghost Jobs: Das Mysterium der fake Stellenanzeigen erobert Deutschland

Patricia Parnet
8 min readFeb 21, 2024
Photo by danilo.alvesd on Unsplash

Ghost Jobs: Stellenanzeigen werden geschaltet ohne den Job tatsächlich extern zu besetzen. Wie kann man Geister-Stellen in Deutschland erkennen? Ansichten sind meine eigenen.

Es ist frustrierend und der Spuk nimmt kein Ende: Der Titel, die Firma, die Beschreibung — du hast deinen Traumjob gefunden es passt einfach alles. Besonders in der aktuellen Zeit, in der vielversprechende Jobs rar gesäht sind, ist dies ein echter Glücksfall. Du bereitest mühselig alle Dokumente vor, quälst dich durch den elend langen Bewerbungsprozess und hörst dann nie wieder etwas. Sogar Interviews werden teils zum Schein geführt. Wenn du Glück hast (sofern man es so nennen kann), bekommst du wenigstens eine Absage. Aber auch diese lässt oft sehr lange auf sich warten und ist nichts mehr als eine kühle Enttäuschung. Die Chancen stehen hoch, an einen so genannten Ghost Job, also eine Stellenanzeige zum Schein, geraten zu sein.

“Ghost Jobs” bezieht sich auf Stellenanzeigen, die scheinbar ausgeschrieben sind, aber in Wirklichkeit bereits intern vergeben sind oder sogar absichtlich niemals besetzt werden sollen.

Es grenzt schon fast an Betrug oder Irreführung. Stell dir vor, ein Geschäft würde Werbung für Produkte machen, die es planmäßig niemals anbieten würde. Sofort würden Verbraucherzentralen und die lokale Presse aufschreien. Projezieren wir nun eine Variante dieser Vorgehensweise in die Jobwelt. Dort werden diese Schein-Anzeigen häufig einfach hingenommen und nicht hinterfragt. Dies unterstreicht einmal mehr die ungleiche Machtverteilung zwischen Bewerber und Recruitern. In einigen Unternehmen scheint es gängige Praxis zu sein…

Doch was sind die Gründe hierfür, denn schließlich kosten ausgeschriebene Jobs Zeit und Geld? Formell unterscheiden sie sich nicht von “echten” Jobs. Den wahren Grund kennt niemand so wirklich und es unterscheidet sich von Firma zu Firma. Hier sind einige Hypothesen:

  • 📈 Wachstum vortäuschen: Besonders, um Investoren oder Konkurrenten zu beeindrucken. Vor allem verbreitet bei Start-ups und jungen Unternehmen.
  • 💰 Gehaltsniveau des Marktes für interne Zwecke erheben: Dies kann beispielsweise für firmeneigene Gehaltsstrukturen, zukünftige Neueinstellungen oder sogar Verlagerung ins Ausland relevant sein. Schließlich möchte jedes Unternehmen kompetitiv agieren und strategisch sparen bzw. investieren. Doch wieso wird hierfür keine Studie oder Umfragen verwendet?
  • 🎨 Skill Assessment: Die Absichten hierbei lehnen sich an denen des Gehaltsniveaus an. Unternehmen möchten erfahren, ob die eigenen Mitarbeiter noch kompetitiv sind oder wo sie durch Schulungen nachhelfen müssen. Darüber hinaus ist es sehr interessant für Stellenausschreibungen in der Zukunft. Es könnte schließlich sein, dass sie bestimmte Tools und Skills nicht auf dem Radar haben…
  • 🤿 Talentpools füllen: Unternehmen zielen darauf ab, Datenbanken mit potenziellen Kandidaten für die Zukunft anzulegen. In einigen Unternehmen führt der einzige Weg zum Talentpool über eine klassische Bewerbung. Manchmal ist es sehr versteckt formuliert, zum Beispiel: “Möchtest du dein Profil für ähnliche Stellen mehrere Monate lang teilen?” Viele Bewerber sind der Meinung, dass dadurch maximal nervige Newsletter ausgelöst werden, die nicht selten total unpassende Jobs vorschlagen. Meist passiert in diesen Talentpools daher nichts. Dieses Vorgehen funktioniert also eher in der Theorie und ähnelt aus Bewerbersicht ansonsten eher einer Sackgasse. Tatsächlich gibt es auch Paradebeispiele bei denen es gut funktioniert und der Eintritt eben nicht über die Bewerbungsmaske erfolgt. Wie wäre es, Energie in bessere Prozesse statt Ghost Jobs zu investieren?
  • 🔎 Compliance bei interner Stellenbesetzung: Klar, ein fairer und transparenter Bewerbungsprozess für alle ist super. Aber wenn man nur externe Bewerber ins Boot holt, um sie dann als Versuchskaninchen für schon fast sicher geplante interne Einstellungen zu verwenden, ist dies mehr als fragwürdig. Umso verrückter wird es, wenn die Verwendung von Ghost Jobs mit Fairness begründet wird.
  • 😓 Druck auf interne Beschäftige ausüben: Oftmals, indem schneller “Ersatz” der eigenen Stelle suggeriert wird. Hier soll der Konkurrenzkampf angeheizt und der Eindruck erweckt werden, dass schnell eine bessere Person für den eigenen Job gefunden werden kann. Diese Praxis ist besonders in den USA verbreitet, wo Kündigungen oft zügiger durchgeführt werden.

Das tückische an Ghost Jobs ist, dass sie sich wenig bis gar nicht von allen ernstgemeinten Jobanzeigen unterscheiden. Sie sind sogar auf allen seriösen Plattformen vertreten. Dies ist ein Grund, warum recht wenig gegen sie vorgenommen wird, denn Stellenbörsen verdienen besonders gut, wenn Bewerber lange suchen und viele Anzeigen geschaltet werden müssen. Es gibt nur wenige Warnsignale und auch diese bieten nur eine grobe Orientierung und keine endgültige Sicherheit. Um sich vor Ghost Jobs zu schützen, sollten Bewerber folgende Punkte ganz genau beobachten:

Ghost Job-Alarm: Die Stelle ist schon lange online oder immer neu promoted

Wenn eine Stellenanzeige über einen ausgedehnten Zeitraum online bleibt, kann dies darauf hindeuten, dass es sich um einen Ghost Job handelt. Besonders wenn die Anzeige auf verschiedenen Plattformen kontinuierlich neu geschaltet oder promoted wird, besteht die Möglichkeit, dass die Position eigentlich nicht mehr aktiv besetzt werden soll. Dann wird das Datum zurückgestellt und die Stelle sieht neu aus, obwohl sie es nicht ist. Oft erscheinen Anzeigen ganz oben, wenn dieser Service zusätzlich gebucht wird. Unternehmen könnten dies tun, um den Eindruck von fortlaufenden Einstellungsbemühungen zu vermitteln, während die tatsächliche Entscheidung bereits getroffen wurde.

Bild einer bezahlten Stellenanzeige mit dem Zusatz “promoted”
Bei Stellenanzeigen mit “promoted” oder ähnlich ganz genau hinschauen.

Allerdings ist Vorsicht geboten, insbesondere bei spezialisierten Jobs und höheren Positionen, die oft lange online bleiben, auch wenn es sich definitiv nicht um Ghost Jobs handelt. Die Suche nach der richtigen Übereinstimmung zwischen Bewerbern und Unternehmen kann manchmal Zeit in Anspruch nehmen. Daher sollte der Zeitfaktor allein nicht als eindeutiges Indiz betrachtet werden.

Letztendlich ist es wichtig, die Entwicklung der Stellenanzeigen auf verschiedenen Plattformen zu beobachten. Hier lieber etwas geduldiger und aufmerksamer sein, anstatt Zeit für eine Bewerbung zu investieren, die es nicht Wert ist!

Ghost Job-Alarm: Alles ist unpräzise formuliert oder sehr kurz

Fehlen klare Beschreibungen, Teambezeichnungen oder sonstige relevante Informationen? Wirkt alles sehr oberflächlich und enthält viel “Blah Blah”?

Natürlich heißen kurze und knackige Beschreibungen nicht, dass es sich um eine unseriöse Stelle handelt — ganz im Gegenteil. Doch wenn es unpräzise, generisch oder sogar unvollständig wirkt, hat sich das Unternehmen wenig Mühe gegeben und es könnte sich eher um einen Ghost Job handeln. Die vage Formulierung könnte dazu dienen, externe Bewerber anzuziehen, ohne genaue Details preiszugeben.

Ghost Job-Alarm: Keine Kontaktangaben

Vorsicht: Es kann sich also sehr wohl um eine seriöse und offene Stelle handeln, wenn kein Kontakt angegeben wird.

Leider ist es immer noch verbreitet, keine Kontaktmöglichkeit oder Name des Recruiters anzugeben. Übrigens raten diese 10 UX-Tipps für inklusivere Stellenanzeigen genau davon ab. Doch wenn noch weitere Merkmale ungewöhnlich erscheinen und dann kein Kontakt hinterlegt ist, wird es verdächtig.

Falls ein Kontakt angegeben ist und du nicht ganz sicher bist, nutze dies auf jeden Fall und Frage direkt nach. Es kostet nichts und bringt Klarheit!

Ghost Job-Alarm: Die gleiche Stelle wurde in verschiedenen Orten und Ländern ausgeschrieben

In solchen Fällen besteht die Möglichkeit, dass die Anzeigen dazu dienen, den Eindruck zu erwecken, dass das Unternehmen breitflächig einstellt, während die tatsächliche Absicht darin besteht, die Position intern zu besetzen oder bereits für einen bevorzugten Kandidaten reserviert wurde. Die vermeintliche Vielfalt der Standorte könnte eine Strategie sein, um externe Bewerbungen zu sammeln, während die Entscheidung möglicherweise schon gefallen ist. Im Zweifel können Bewerber gegeneinander ausgespielt werden, ohne es zu wissen. Oder aber es wird letztendlich der Bewerber bevorzugt, der am günstigsten ist, häufig in Ost- und Südeuropa. Jedoch ist dieses Phänomen auch weltweit zu beobachten. Zum Beispiel werden Stellen erst in Deutschland und Frankreich und dann in Asien ausgeschrieben. Es lohnt sich also, internationale Filter in Stellenportalen einzuschalten. Hier geht es zu den Tipps für Bewerbungen im Ausland, wenn du dich direkt für eine internationale Karriere interessierst.

Ghost Job-Alarm: Keine klaren Ansagen oder Zeitplan im Interview

Wenn das Unternehmen keine klaren Informationen darüber bereitstellt, wie der Auswahlprozess voranschreitet oder wann Entscheidungen getroffen werden, wird es verdächtig. Der Mangel an Transparenz könnte dazu dienen, externe Bewerber zu halten, während interne Entscheidungen im Hintergrund getroffen werden. In solchen Fällen ist es wichtig, während des Interviews gezielte Fragen zu stellen, um mehr Klarheit über den Prozess und die Zeitlinie zu erhalten. Trau dich und fordere die Antworten, die du verdienst. Im Zweifelsfall ist es auch möglich, ein Interview abzusagen oder sogar abzubrechen!

Ghost Job-Alarm: Verdächtige Bewertungen auf Portalen wie Kununu

Heutzutage gibt es einige Bewertungsportale für Unternehmen wie Kununu, bei denen auch Feedback zum Bewerbungsprozess gegeben werden kann:

Insgesamt liefern solche Portale einen guten Überblick über die aktuelle Situation im Unternehmen. Allerdings ist der Zugang zum Bewerbungs-Bereich etwas versteckt, da die Bewertungen der aktuellen Mitarbeiter im Vordergrund stehen. Hier muss mit einem Klick zwischen den Ansichten gewechselt werden. Ein Blick lohnt sich vor jeder Bewerbung!

Auswahl-Option bei Kununu für Bewerber und Mitarbeiter.
Einfach zwischen Bewertungen von Mitarbeitern und Bewerbern zu wechseln.

Nie eine Zu- oder Absage erhalten? Oberflächliche Fragen im Interview? Wenn sich diese Bewertungen in kurzer Zeit häufen und detailliert beschrieben werden, sollten die Alarmglocken schrillen. Doch nicht jede negative Bewertung ist automatisch ein sicheres Anzeichen für einen Ghost Job. Teilweise benötigen Unternehmen einfach etwas länger für die Entscheidung, haben komplizierte Kommunikationswege oder etwas anderes lief nicht rund. Zudem können manipulierte Bewertungen vorkommen, sei es positiv oder negativ. Absagen sind zwar normal, und negative Bewertungen bieten Orientierung, könnten jedoch auch von frustrierten Bewerbern stammen. Denk daran, dass eine Absage kein Grund ist, den Kopf hängen zu lassen!

Während der Jobsuche solltest du auf allen Ebenen auf dein Bauchgefühl höre, denn es ist stets ehrlich zu dir. Wenn du kein gutes Gefühl hast, ist es meist ein Zeichen. Dies macht sich schon bei der Stellenanzeige bemerkbar. L’Oréal sagte nicht umsonst: “Weil Sie es sich Wert sind.” Insbesondere bei der Jobsuche solltest du deinen hohen Wert und den deiner Zeit kennen: Beim Thema Fairness und Transparenz darfst du einen hartnäckigen ganz selbstbewusst Standpunkt vertreten. Du bist mehr als nur ein Datensatz; du verdienst einen ehrlichen Umgang und solltest keine Zeit mit Unternehmen verschwenden, die zu Ghost Jobs greifen und nicht offen mit dir kommunizieren.

Eine Absage auf einen Job bedeutet nicht gleich, dass du einem Ghost Job zum Opfer gefallen bist. Es kann viele andere Gründe haben und ist kein Grund, aufzugeben. Der passende Job war einfach noch nicht dabei und mit Sicherheit warten, mit etwas Geduld, viel bessere Möglichkeiten auf dich. Wir alle erhalten Absagen im Leben. Also nimm dich vor den vielen Job-Geistern in Acht und konzentriere dich umso mehr auf reale Möglichkeiten.

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